Experten raten Krebspatienten von ketogener Diät ab

ketogene LebensmittelWas ist dran an ihren Argumenten?

Neben der zunehmenden Zahl an Erkenntnissen und positiven Erfahrungsberichten zur ketogenen Krebsdiät, greifen Zeitschriften- und Onlineartikel auch immer wieder Stellungnahmen von Experten auf, die Krebspatienten vor dieser Diätform warnen. Wir haben die Argumente genauer unter die Lupe genommen.

Neue Behandlungsansätze bleiben natürlich nie ohne Gegenstimmen, insbesondere dann nicht, wenn diese der bisherigen Lehrmeinung zu widersprechen scheinen. Auch die ketogene Krebsdiät zieht – trotz zunehmender wissenschaftlicher Erkenntnisse, die deren Therapie-unterstützende Wirkung untermauern – immer noch viel Kritik auf sich und wird von vielen Experten abgelehnt. Einige raten Krebspatienten sogar von dieser Ernährungsform ab. Doch sind die Warnungen gerechtfertigt? Wir möchten einige der immer wieder genannten Kritikpunkte kurz kommentieren.

„Eine ketogene Krebsdiät kann Krebs nicht heilen.“

Diese Aussage ist natürlich richtig, denn eine ketogene Diät dient lediglich zur Unterstützung der klassischen Krebstherapie und soll diese in keinem Fall ersetzen. Zwar gab es in der Vergangenheit Medienberichte von Krebspatienten, die augenscheinlich allein durch diese Ernährungsform ihre Krankheit besiegten. Aus diesen Einzelfällen darf jedoch nicht auf andere Krebspatienten geschlossen werden. Neben der Schwächung von Nebenwirkungen und der Sensitivierung der Krebszellen gegenüber Standardtherapien, deuten einige Erkenntnisse aus Zell- und Tierstudien zwar auch auf einen direkten krebshemmenden Effekt des Zuckerentzugs hin. Diese sind jedoch zu dürftig und die Krankheit Krebs zu komplex, um hieraus Heilversprechen abzuleiten.
Daher: Ja, eine ketogene Diät kann Krebs nicht heilen, aber dessen Therapie unterstützen.

„Eine ketogene Diät fördert die Mangelernährung von Krebspatienten.“

Eine ketogene Diät liefert dem Körper durch den hohen Fettanteil nicht nur reichlich Energie. Gut zusammengestellt ist sie auch in der Lage, dem Körper alle notwendigen Vitamine und Mineralstoffe zuzuführen. Das Problem: Viele Kritiker fühlen sich beim Thema „starke Kohlenhydratreduktion“ automatisch an die populäre Atkins-Diät erinnert, bei der in erster Linie Fette und fettreiche tierische Produkte wie Wurst, Schinken und Käse konsumiert werden.
Die Basis der ketogenen Krebsdiät bilden jedoch in erster Linie stärkearme Gemüsesorten, die mit ihrer hohen Nährstoffdichte viele wertvolle Vitamine, Mineralstoffe und bioaktive Pflanzenstoffe liefern, sowie hochwertige Fettquellen wie Kokos-, Raps-, Lein-, Hanf-, Walnuss- und Olivenöl; Weidebutter und fettreiche Seefische. Hinzu kommen einige Eiweißquellen wie Fisch, Fleisch, Eier, Käse sowie Nüsse und Samen.
Eine Unterversorgung mit wichtigen Mikronährstoffen und Eiweiß ist daher nicht zwangsläufig gegeben, wie wir auch in unserem Blogbeitrag „Mangelernährung durch ketogene Ernährung?“ an einem Beispieltagesplan vorrechnen.

Nährstoffzufuhr (Vitamine und Mineralstoffe) einer ketogenen Diät
Nährstoffversorgung mit einem ketogenen Tagesmenü
Frühstück: Himbeerquark mit Leinsamen | Mittag: Lachs mit mediterranem Gemüse + kleiner Salat | Abendbrot: Broccoli-Champignon-Omelette
2323 kcal, 30 g Kohlenhydrate, 83 g Eiweiß | Nährstoffverteilung an Gesamtenergie: 80 % Fett, 5 % Kohlenhydrate, 15 % Eiweiß

Leider führt die Ablehnung der ketogenen Diät seitens der federführenden Fachgesellschaften dazu, dass sich nur wenige Ernährungstherapeuten an diese Diätform herantrauen und Krebspatienten kaum bis gar keine professionelle Hilfe bei der Umsetzung einer solchen Ernährung erhalten. So bleibt ihnen nur, sich selbst mit Büchern und im Internet zu dem Thema zu belesen und ihre Lebensmittelauswahl nach eigenem Ermessen zusammenzustellen. Leider können hierbei durchaus auch Diätfehler auftreten, wenn die Lebensmittelauswahl zu einseitig ausfällt.

„Krebspatienten nehmen durch eine ketogene Diät noch weiter ab.“

Tatsächlich wird die ketogene Diät auch zur Gewichtsreduktion immer populärer. Durch die geringe Kohlenhydrataufnahme bleibt der Blutzuckerspiegel relativ flach und die Insulinfreisetzung gering. Da das Hormon Insulin u. a. die Fetteinlagerung fördert und den Fettabbau hemmt, erleichtert eine Kohlenhydratreduktion den Abbau von Fett.
In einer kleinen Studie des Uniklinikums Schweinfurt nahmen die 6 Patienten, die sich neben ihrer Strahlentherapie ketogen ernährten, tatsächlich ab. Eine Analyse der Körperzusammensetzung ergab jedoch, dass die Patienten lediglich Fett verloren hatten, nicht aber die wichtige Muskelmasse[1]. Bei kachektischen Krebspatienten ist vor allem der Verlust an Eiweiß (Muskelmasse) und Mikronährstoffen kritisch, da diese für den Erhalt der Körperfunktionen wichtig sind. Durch Zufuhr an hochwertigen Eiweißquellen und Lebensmitteln mit hoher Nährstoffdichte (Gemüse, Nüsse, Fleisch, Fisch) kann diesem Trend jedoch entgegengewirkt werden.

„Krebspatienten dürfen bei einer ketogenen Diät nicht mehr als 20 g Kohlenhydrate am Tag essen.“

Das stimmt so nicht. Die Vorgabe, dass während einer ketogenen Diät täglich maximal 20 g Kohlenhydrate aufgenommen werden dürfen, stammt noch aus den Anfängen dieser Diätform. Die ketogene Diät wurde Anfang des 20. Jahrhunderts zur Therapie von Epilepsie entwickelt. Zu dieser Zeit wurde die Zusammensetzung der ketogenen Diät mit 4 Teile Fett und 1 Teil Kohlenhydrate + Eiweiß definiert. Auch heute wird diese Diätform von den Leitlinien noch zur Therapie von Kindern mit therapieresistenter Epilepsie empfohlen. Jedoch haben sich auch hier die Vorgaben zunehmend gelockert.
Richtig ist, dass je nach individuellem Stoffwechsel des Krebspatienten auch eine weniger strenge Kohlenhydratrestriktion in der Lage ist, einen ketogenen Stoffwechsel (Ketose) zu erzeugen. So ist eine Beschränkung der Kohlenhydratzufuhr auf etwa 50 g am Tag bzw. bei gut eingestellten Patienten auch eine Beschränkung auf 1 g Kohlenhydrate pro Gramm Körpergewicht ausreichend. Lediglich bei Patienten, deren Stoffwechsel sich nur schwerfällig auf eine Ketose umstellt oder die vor Therapiestart relativ schnell eine Ketose erreichen wollen, ist eine vorrübergehende Beschränkung der Kohlenhydratzufuhr auf 20 g pro Tag für etwa 3-5 Tage sinnvoll.

„Die ketogene Diät ist für den Krebspatienten eine Zusatzbelastung“

Wie jede unterstützende Behandlungsmaßnahme ist auch die ketogene Diät nur eine zusätzliche Option zur klassischen Behandlung. Es ist daher allein die Entscheidung des Patienten, ob er bereit ist, eine solche begleitende Ernährungsumstellung durchzuführen oder nicht. Selbstverständlich darf niemand dazu gezwungen werden, wenn er sich nicht in der Lage dazu fühlt.
Was Kritiker jedoch offenbar übersehen: Viele Patienten entscheiden sich bewusst für eine solche Ernährungsumstellung und sind bereit, die damit verbundenen Veränderungen in ihrem Speiseplan vorzunehmen. In vielen Fällen ist die Diagnose Krebs allgemein der Startpunkt für Veränderungen im Lebensstil, sei es die Ernährung, das Bewegungspensum, Stress oder Rauchen. Viele Patienten schöpfen zudem mentale Kraft aus dem Wissen, ihren Therapieerfolg nicht nur blind in die Hände eines fremden Therapeuten geben zu müssen, sondern auch aktiv selbst etwas dazu beizutragen. Ein Faktor, er auch dem Heilungserfolg zugutekommt.
Leider ist auch in diesem Punkt der Mangel an qualifizierten Beratern, die den Patienten bei seiner Ernährungsumstellung zur Seite stehen könnten, und die daher nötige Eigenrecherche ein Faktor, der zur Zusatzbelastung werden könnte.

„Es gibt keine klinischen Studien, die die Wirksamkeit der ketogenen Krebsdiät bestätigen.“

Tatsächlich stützen sich viele Erkenntnisse, die rund um das Thema ketogene Diät bei Krebs gemacht wurden, auf die Ergebnisse aus Zell- und Tierstudien. Klinische Studien mit Krebspatienten sind noch Mangelware, was jedoch einen Grund hat. Damit eine Therapie in Fachkreisen als wirksam angesehen wird, sind in der Regel klinische Studien mit einer möglichst großen Patientenzahl notwendig, die einen signifikanten Vorteil der Behandlungsmaßnahme gegenüber einer Kontrollgruppe zeigen. Hier gibt es zwei entscheidende Faktoren, die es erschweren, die Wirksamkeit einer ketogenen Diät durch solche Studien nachzuweisen:

1. Mangel an finanziellen Mitteln
Klinische Studien kosten sehr viel Geld. Oft stammen die finanziellen Mittel aus der Industrie, die sich aus den Studienergebnissen erhofft, eine vermarktungsfähige Therapiemethode (z. B. ein neues Medikament oder ein neues Gerät) ableiten zu können. Eine ketogene Diät kann jedoch mit klassischen Lebensmitteln umgesetzt werden und bietet Unternehmen wenig Gewinnpotenzial. Das Interesse, eine Studie zur ketogenen Diät finanziell zu unterstützen ist seitens der zahlungskräftigen Unternehmen daher gering.

2. Schwierigkeiten bei der Rekrutierung von Teilnehmern
Für eine aussagekräftige statistische Auswertung bedarf es einer großen Teilnehmerzahl, die sich möglichst weitgehend ähnelt. Krebs ist jedoch eine sehr komplexe Krankheit mit vielen Gesichtern. Es ist daher schwer, Patienten mit möglichst der gleichen Krebsart, im möglichst gleichen Stadium und mit gleichem Therapievorgehen zu finden, die sich bereit erklären, zusätzlich eine solche Ernährungsumstellung durchzuführen. Viele klinische Studien zur ketogenen Diät scheiterten bereits bei der Suche nach genügend Teilnehmern.

So beschränken sich die wissenschaftlich dokumentierten Daten zur Wirksamkeit einer ketogenen Diät bei Krebspatienten auf einige wenige Studien mit geringen Teilnehmerzahlen sowie auf eine Reihe von Fallberichten.

Autor Teilnehmer Ergebnisse
Klement et al.[1] 6 Patienten; ketogene Diät zur Unterstützung einer Strahlentherapie, 4 erreichten eine Ketose
  • Abnahme der Fettmasse, nicht aber der Muskelmasse
  • Gesamtverfassung während Bestrahlung sehr positiv
  • 5 erreichten eine Rückentwicklung des Tumors
  • 1 mit metastasierenden kleinzelligen Lungenkrebs zeigte leichten Krankheitsfortschritt, der nach Absetzen der Diät schneller wurde
Rieger et al.[2] 20 Patienten mit wiederholten Glioblastom
  • keine schweren Nebenwirkungen während Behandlung
  • ketogene Diät wurde als durchführbar und sicher eingestuft
Schmidt et al.[3] 16 Patienten mit fortgeschrittenem, metastasierendem Krebs ohne konventionelle Behandlung
  • Verbesserung der Lebensqualität
  • keine schweren Nebenwirkungen
  • Verbesserung einiger Blutwerte
Camp et al.[4] 53 Patienten mit Glioblastom, 6 ernährten sich während Behandlung ketogen
  • gute Verträglichkeit der Diät
  • verhältnismäßig geringe Nebenwirkungen der Therapie
  • normale Blutzuckerwerte trotz Steroidtherapie im Vergleich zu Patienten ohne Diät
Groot et al.[5] 13 Patientinnen mit Her2-negativen Brustkrebs, 7 fasteten vor und nach der Chemo
  • geringere Verschlechterung der Blutwerte als bei nicht-fastenden Frauen
  • deutlich bessere Erythrozyten- und Trombozytenwerte

Leider scheinen viele Kritiker sich zudem nur wenig mit den Grundzügen und der Umsetzung einer ketogenen Krebsdiät auseinandergesetzt zu haben. So wird diese oft in einen Topf mit anderen unseriösen und als Heilmittel angepriesenen Krebs-Diäten geworfen oder lediglich auf eine strenge Kohlenhydratbeschränkung reduziert. Vielmehr legt eine ketogene Krebsdiät neben der Reduktion des Kohlenhydratanteils auch einen großen Wert auf die Auswahl geeigneter Lebensmittel. Diese sollten weitgehend natürlich, wenig industriell vorverarbeitet, zusatzstoffarm sein und damit möglichst eine hohe Nährstoffdichte und viele funktionelle Inhaltsstoffe vorweisen. So zielt die Diätform nicht nur darauf ab, den Patienten in eine Ketose zu versetzen und damit möglicherweise den Krebsstoffwechsel gezielt zu schwächen. Durch die Zufuhr an Energie in Form von hochwertigen Fetten, hochwertigen Eiweißquellen sowie an Gemüse, Kräutern, Gewürzen und Beerenobst die reich an Vitaminen und bioaktiven Pflanzenstoffen sind, soll der Patient optimal versorgt und für den Genesungsverlauf gestärkt werden.

Quellen
1. Klement, Rainer J.; Sweeney, Reinhart A. (2016): Impact of a ketogenic diet intervention during radiotherapy on body composition: I. Initial clinical experience with six prospectively studied patients. BMC Research Notes 9 (1): 143. [Link zum Artikel].
2. Rieger, Johannes et al. (2014): ERGO: a pilot study of ketogenic diet in recurrent glioblastoma. Int J Oncol 44 (6): 1843–1852. [Link zum Artikel].
3. Schmidt, M. et al. (2011): Effects of a ketogenic diet on the quality of life in 16 patients with advanced cancer: A pilot trial. Nutr Metab (Lond) 8: 54. [Link zum Artikel].
4. Champ, C. E. et al. (2014): Targeting metabolism with a ketogenic diet during the treatment of glioblastoma multiforme. J Neurooncol 117 (1): 125–131. [Link zum Abstract].
5. Groot, Stefanie de et al. (2015): The effects of short-term fasting on tolerance to (neo) adjuvant chemotherapy in HER2-negative breast cancer patients: a randomized pilot study. BMC Cancer 15: 652. [Link zum Artikel].